Segeln in der Karibik –

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Winward Islands.

Damals 1996.

Martinique, St. Lucia, Bequia, Mustique, Tobago Cays, Union Island, St. Vincent, St. Lucia, Martinique

14 Tage, den ganzen Tag an Bord liegen, sonnen, lesen und „the Carribean Way of Life“ genießen…

Den Seesack, weil ein Koffer zu groß für das Segelschiff ist, voller Bücher starten wir im verschneiten München, im November 1996… Über Paris geht es nach Martinique, Fort-de-France Airport, etwa 13 Stunden Reisedauer. Martinique 28 Grad im Schatten und kein Wölkchen am Himmel, purer Sonnenschein und im Hafen erwartet uns unser „Ferienwohnung mit Selbstverpflegung“ für die nächsten zwei Wochen.

Wir sind alle gespannt und müssen uns aber gleich mit dem Caribbean Way of Life vertraut machen. Das Schiff ist noch nicht ganz fertig… Wir lassen die Handwerker ihre Arbeit tun und ziehen erstmal los zum Supermarkt. Wir haben ja schließlich Selbstverpflegung gebucht.

Nach einer ausführlichen Einführung in unsere schwimmende Wohnung, verbringen die erste Nacht in einem sicheren Hafen an einem Steg auf unserem Boot. Doch alles ziemlich eng hier und Privatsphäre ist für die nächsten zwei Wochen abgeschrieben. Und diese Geräusche, die einen die ganze Nacht wachhalten. Es quietscht und knarrt ohne Pause. Alles ungewohnt und zu Beginn auch etwas unheimlich…

Dank der Zeitverschiebung (und der Aufregung) sind wir all am nächsten Morgen um sechs Uhr wach und können nach dem Frühstück und dem Tanken gleich in See stechen. Erst einmal fahren wir unter Motor aus dem Hafen, ein ganz schönes Geschaukel. Wir sind nur zwei Frauen an Bord. Meiner Freundin wird leider schon sehr bald, sehr übel.

Es dauert eine ganze Weile, bis unser Skipper bereit und mutig genug ist, die Segel zu setzen. Dann aber wird das Schiff viel ruhiger und die Übelkeit schwindet langsam wieder.

Mir war vorher nicht bewusst, welche Seitenlage so ein Schiff hat. Aber ich bekomme immer wieder bestätigt und erklärt, dass das Schiff wegen dem langen Rumpf nicht umkippen kann. Es dauert Tage, bis ich mich daran gewöhnt habe und ohne Angst an Bord sitzen kann. Mir wird auch sehr schnell klar, dass ich eine vollkommen falsche Vorstellung von der ganzen Geschichte hatte. Auf Deck liegen und ein Buch lesen, kommt überhaupt nicht in Frage, bei der Schräglage. Wir sitzen alle wie die Hühner auf der Stange auf der vom Wasser abgewandten Seite, lassen die Füße baumeln und genießen die Landschaft der vorbeiziehenden Inseln oder den weiten Horizont-Blick auf der anderen Seite – je nachdem, von wo der Wind kommt.

Martinique sehen wir erstmal nur vom Wasser aus. Wir lassen es an uns vorbeiziehen. Nach Stunden erreichen wir St. Lucia. Unser erster Anlaufhafen ist die Rodney Bay. Wir finden gleich einen freien Platz am Steg und parken ein. Jeder muss helfen. Die Fender müssen raus, damit das Boot nicht an den Steg donnert und Kratzer bekommt. Wir müssen unser Schiff festmachen und die Taue vom Segeln wieder ordentlich aufrollen. Nach einem ganzen Tag auf See, sind wir alle ziemlich fertig und hungrig. Erstmal suchen wir die Marina auf, wo wir Duschen und Toiletten finden. Heute wird nicht an Bord gekocht, sondern wir steuern eine karibische Pizzeria am Hafen an. Der Ort ist nicht groß, deshalb gib es nicht viele Auswahlmöglichkeiten. Nach dem Essen und noch einer Runde „Piton“, dem lokalen Bier, fallen wir alle ganz kaputt in unsere Kajüten und träumen von den karibischen weißen Stränden, die wir ja hoffentlich die nächsten Tage noch sehen werden. Der erste Tag auf See hat doch sehr geschlaucht. Für mich die ständige Aufregung über das Ungewohnte und Unbekannte, all die neuen Handgriffe und Begriffe, die es zu erlernen und zu verstehen gab.

Am nächsten Morgen sind wieder alle früh wach und so können wir auch wieder früh starten. Wahrscheinlich Stunden bevor die anderen ablegen werden. Sonst rührt sich nämlich auf keinen anderen Boot etwas. Heute ist die Etappe nicht ganz so lang. Wir wollen eine zweite Bucht auf St. Lucia anlaufen, die Bucht „Anse les Pitons“ – die Wahrzeichen St. Lucias.

Dort angekommen machen wir wieder eine neue Segelerfahrung. Wir müssen ankern. Leider merken wir erst jetzt, dass der Anker viel zu klein und damit viel zu leicht für unser wirklich großes Boot ist. Also dauert es viel länger, als erwartet, dass Boot zu festigen und zu sichern. Der beste Schnorchler von uns muss gar noch nach dem Anker tauchen und sicherstellen, dass er festsitzt. Danach können wir mit einem guten Gefühl von Bord gehen.

Egal in welche Bucht wir kommen, es sind immer schon viele Einheimische, die auf uns warten, zur Stelle. Sie bieten Obst, Eis, T-Shirts oder Wasser zum Verkauf an. Heute sind wir froh und nehmen das Angebot von einem Herrn an, der uns einen Ausflug anbietet. Wahrscheinlich hat uns das herzerwärmende Lachen seines vielleicht siebenjährigen Sohnes überzeugt. Wir wollen nach Sourfirer und die Sulphur Springs besuchen. Zur vereinbarten Zeit werden wir an unserem Segelschiff abgeholt und fahren mit einem kleinen, bunt angestrichenen Boot Richtung Soufriere, dem zweitgrößten Ort der Insel. Dort können wir in aller Ruhe noch ein wenig durch die Gassen mit grell bunten Häusern schlendern, immer begleitet von unserem sieben-jährigen Reisebegleiter. Die Farbenpracht ist einfach überwältigend schön. Im Hafen werden wir wieder von dem Vater erwartet. Er hat einen Kleinbus organisiert, mit dem es jetzt zu den Schwelquellen geht. Wilde Fahrt. Durch satt-grüne saftige Wälder geht die Fahrt ins Inselinnere. Vor Ort erwarten uns schon Einheimische auf und unter Wellblechgestellen liegend, spärlich bekleidet mit rot unterlaufenen Augen. Wir bekommen wieder Früchte der Insel angeboten, deren Geschmack unsere Zungen verzückt.

Mit den Fingern müssen wir aus einer halbierten Frucht schleimige, leicht rosa farbene, etwa Walnuss-große Kerne fischen und diese nur lutschen nicht zerbeißen. Schleimige Fäden berühren den Gaumen, aber ein süßer Geschmack macht sich breit. Köstlich. Natürlich müssen wir, weil ja abgeraten wurde, doch einmal draufbeißen. Eine unangenehme, trockene lila farbene Masse kommt zum Vorschein. Später erfahren wir, dass es sich um Kakaobohnen handelte.

Außerdem trinken wir unsere erste frisch aufgeschlagene Kokosnuss. Auch etwas Besonderes, aber ein nicht so intensives Geschmackserlebnis, wie das Lutschen des Kakao-Bonbons zuvor.

Der strenge Geruch von verfaulten Eiern empfängt uns schon von Weitem. Durch dichtes Buschwerk führt uns ein schmaler Pfad ans Schwefelfeld heran. Das Betreten ist allerdings verboten, da es früher den ein oder anderen Einbruch gab. Trotzdem lohnt sich der Besuch und wir sind glücklich, die Insel auch im Innern, erkundet zu haben, zu Fuß. Ziemlich durchgeschwitzt kommen wir nach der kleinen Wanderung wieder zurück zum Auto. Die Fahrt zurück führt uns an einem sehr ärmlichen Haus vorbei, einem Altenheim, laut Guide. Und dann sehen wir ihn, unseren ersten karibischen einsamen Sandstrand gesäumt von großen Palmen. Aber nicht diesen weißen, mit türkisfarbenem Wasser, wie ich es erwartet hatte, denn St. Lucia ist vulkanischen Ursprungs und somit die Strände eher etwas dunkelbraun.

Mit dem kleinen Boot werden wir zurück in unsere schwimmende Ferienwohnung gefahren. Von all den Eindrücken und Unternehmungen hungrig, testen wir heute den Gasherd in der Bordküche. Einfache Nudeln mit Tomatensoße lassen wir uns im „Salon“ auf dick gepolsterten Bänken schmecken und fallen wieder früh in unsere Betten.

Wie immer: alle wieder früh startklar am nächsten Morgen. Wir haben heute eine sehr weite Strecke vor uns.

Wir wollen nämlich an St. Vincent vorbeisegeln. Im Segelreiseführer haben wir gelesen, dass es dort eher gefährlich sein soll. Es handelt sich um eine sehr arme Insel und somit ist leider auch die Kriminalität weit verbreitet.  Das ist uns noch nicht ganz geheuer, also nehmen wir die lange Strecke auf uns. 10 Stunden sind wir schlussendlich heute dann am Segeln. Viel Hühnerstangen-Sitzen, jeder darf mal ans Steuer, die Zeit geht schon rum… St. Vincent sieht vom Wasser aus wunderschön aus und vielleicht fahren wir ja auf dem Rückweg doch noch vorbei und machen einen Stopp. Die Insel erscheint uns noch grüner als St. Lucia.

Unser Ziel heißt aber Port Elisabeth auf Bequia. Bequia ist die größte Insel der Grenadinen. Dort soll es einen deutschen Bäcker geben, der Vollkornbrot verkauft. Von der Insel sind wir alle gleich begeistert. Es gibt eine bunte, zugewachsene kleine Polizeistation, gegenüber eine kleine Markthalle in der alle Sorten von Früchten und Gemüse angeboten werden. Viele Rasta Männer wittern ihr Geschäft und packen uns die Tüten voll. Viel zu voll. Bei vielen Früchten wissen wir später gar nicht, wie und was man davon essen kann. Probiert werden sie aber alle, nicht jede schmeckt allerdings. (Anmerkung: Damals im Jahre 1996 war es nicht üblich mit einem Smartphone jegliche Information direkt abrufbar zu haben, somit wissen wir bis heute weder, was wir damals gegessen haben noch ob wir das gegessen haben, was man essen sollte 😉). Auch das Vollkornbrot für viele East Carribean Dollar erstehen wir und genießen es beim nächsten Frühstück.
An dem Hafen, im dem unser Boot liegt (nicht am Steg, wir ankern wieder), gibt es noch eine kleine Badebucht, wo wir zum ersten Mal in diesem Urlaub im karibischen Meer baden gehen. Ein Genuss und eine super Erfrischung. Aber dieser weiße, feinsandige Karibikstrand, den ich vor meinem inneren Auge sehen, lässt auf sich warten. Ich gebe natürlich die Hoffnung nicht auf und genieße trotzdem jede Sekunde in vollen Zügen.

Wenn wir ankern, können wir unser Segelschiff nur mit dem Dinghy verlassen. Das Beiboot ist allerdings für uns alle zu klein und wir müssen immer zweimal fahren. Aber es ist immer eine riesen Gaudi mit vielen Wasserspritzern und nassen Hinterteilen. Auch Marinas mit Duschen und Toiletten für die Segler gibt es ab jetzt nicht mehr. Duschen müssen wir in der engen Nasszelle unter Deck oder unter freiem Himmel. Alle bevorzugen die Freiluftdusche. Charme kennen wir irgendwann auch keinen mehr. Während die einen den Abwasch erledigen, stehen andere Mitsegler am Heck des Schiffes und duschen. Wir gewöhnen uns schnell an die neuen Umstände. Bleibt uns auch nichts anderes übrig.

Nach dem Abwasch am nächsten Morgen starten wir zu einer kleinen Tour. Wir wollen noch eine weitere Bucht von Bequia besuchen: die Friendship Bay. Auf dem Weg dorthin kommen wir an einem kleinen Eiland vorbei. Laut Seekarte heißt die Insel „Petit Nevis“. Diese Insel sieht unbewohnt aus. Nur eine kleine Holzhütte steht am Anlegesteg. Der Anlegesteg ist zu klein für uns und das Wasser zu niedrig. Wir wollen aber trotzdem auf die Insel. Also müssen wir wieder ankern. Gesagt getan. Und schneller als erwartet, können wir mit unserem Beiboot in Etappen auf die Insel übersetzten. Mit Segeln in der Karibik habe ich immer den Besuch von kleinen, unbewohnten Inseln verbunden: Einsamkeit, weites Meer, Palmen, weiße, weite Sandstrände… Jetzt haben wir endlich diese Einsamkeit. Glauben wir….

Am Steg angelegt, kommt ein nicht ganz karibisch aussehender Mann aus der Holzhütte. Er hat einen blassen Teint und lockige, kurze rote Haare. Viele Eimer stehen vor uns, gefüllt mit zappelten Fischen. Ein einsamer Fischer also. Aus einem Eimer schauen uns die Augen von kleinen Baby-Haien an. Diese sollen aber, laut Aussage des Fischers, nicht gefährlich sein oder werden. Wir vertrauen ihm, denn die Hälfte unserer Besatzung ist bereits weit draußen beim Schnorcheln.

Zwei Hunde begleiten uns treu bei unserem Gang über die Insel. Es gibt eine schöne weite Bucht von Palmen gesäumt. Malerisch, wie das Bild vor meinem inneren Auge. WOW. Wir erklimmen einen kleinen Berg und der Blick von hier oben, ist atemberaubend. Mein absolutes Highlight bis jetzt auf dieser Reise.  Wir sehen die umliegenden Inseln und sind wirklich ganz alleine. Die Insel ist so klein, dass wir schon nach kurzer Zeit alles erkundet haben. Die Schnorchler sind auch wieder an Land und begeistert von der Unterwasserwelt. Haie haben sie keine gesehen.
Dieser Strand ist der absolute Traum.

Zurück an Bord, erreichen wir nach kurzem Segeln unser Tagesziel: Friendship Bay auf Bequia. Wir sind das einzige Boot dort und haben den ganzen Strand für uns alleine, obwohl es noch eine Hotelanlage mit mehreren Bungalows gibt. Wir genießen den Rest des Tages am Strand und lassen den Tag an Bord ausklingen.

Am nächsten Tag traue ich meinen Augen kaum. Wir nähern uns der Insel Mustique. Noch nie zuvor habe ich solch strahlend türkisblaues, glitzerndes Wasser gesehen. Unter der Wasseroberfläche tummeln sich tausende von winzigen kleinen Fischen, die von der Sonne angestrahlt, wie Diamanten schimmern. Ein Traum! Das ist die Karibik, die ich mir vorgestellt hatte. Ich bin am Ziel.

Wir stehen an Deck und genießen einfach nur den Anblick. Der erste und letzte karibische Regen setzt ein.

Ganz egal, wir stehen an Deck und auch der Regen kann dieses Bild nicht trüben. So schnell wie er uns erwischt hat, so schnell zieht er auch wieder weiter.

Jetzt aber ab ins Dinghy und rüber an diesen herrlichen, einladenden Strand.

Die einen gehen sofort wieder schnorcheln und der Rest genießt den Sand unter den Füßen mit dem gigantischen Ausblick auf das weite Blau. Wir pflücken uns eine Kokosnuss von den Palmen und schlagen sie mit viel Mühe auf und genießen den erfrischenden Kokossaft. Mustique ist eine Insel, auf der wohl viele Prominente Urlaub machen und Häuser haben. Wir können sehr gut verstehen warum. Später ziehen wir über die Insel und sehen traumhafte Anwesen mit sehr viel Natur und atemberaubenden Ausblicken auf die umliegenden Buchten. Später in Deutschland erfahre ich, dass man diese Villen mieten kann, inkl. Maid, Köchin und Gärtner. Einen kleinen Flughafen finden wir auch. Ganz besonders faszinieren uns grell bunte, reich verziert „Lebkuchenhäuser“ in Strandnähe. Wohl eines der Wahrzeichen dieser Insel, deren Abbildungen in jedem Reiseprospekt zu finden sind. Abends sitzen wir in der Bar direkt am Strand mit Holzterrasse auf das Meer hinaus und genießen the Carribean Way of Life in „vollen Zügen…“

Da wir beiden Frauen es vorziehen, meist an Deck zu schlafen, ist das Erwachen wunderschön. Eine Steigerung hatte ich eigentlich schon nicht mehr erwartet. Aber ich wurde überrascht und bekam noch mehr geboten. Wir steuerten auf die Tobago Cays zu.

Kleine unbewohnte Eilande mit schneeweißen Stränden und hochgewachsenen Palmen liegen vor uns. Einfach faszinierend. Wir scheinen nicht die Einzigen zu sein, denn eine Vielzahl von Segelbooten liegt schon inmitten der kleinen Inselgruppe. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wir müssen mal wieder Ankern. Gar nicht so einfach, weil auch noch eine ziemlich starke Strömung herrscht. Nach langer Zeit sind wir dann relativ sicher, dass nun nichts mehr passieren kann. Wir klettern alle in das Dinghy, nur unser Skipper bleibt an Bord. Was auch besser ist, wie sich später rausstellen wird.

Trotz der vielen Segelboote, sind wir die Einzigen auf der ersten Insel, die wir ansteuern. Wir liegen einfach nur im Sand und können gar nicht fassen, dass wir dieses Paradies erleben dürfen. Die einen ziehen gleich wieder mit Taucherbrille und Flossen los, um die Unterwasserwelt zu erkunden. Alle haben ihr Glück gefunden.

Genug von der einen Insel, rein ins Dinghy und zur nächsten. Diese ist natürlich auch nicht schlechter. Es gibt einen kleinen Berg auf den man durch ein wenig Dschungel klettern kann. Von oben hat man einen weiten Ausblick über die Inselgruppe. Wir treffen noch einen Kanadier, der schon seit Monaten durch die weiten des Meeres segelt und auch er Meinung ist, dass dieser Ort einer der schönsten ist, die er gesehen hat.

Ausgetobt kehren wir nach Stunden wieder zum Boot zurück. Wir sind alle der Meinung, dass es nicht mehr an derselben Stelle ist, wo wir es verlassen hatten. Panik bricht aus. Wir müssen neu ankern, damit wir für die Nacht sicher sind. Alle wieder an die Arbeit., der beste Schnorchler muss wieder zum Anker tauchen und versuchen, ihn so noch fester in den Sand zu stecken. Nach etwa einer Stunde Arbeit und Aufregung sind wir ziemlich sicher, dass nichts mehr passieren kann. Ich habe trotzdem ein mulmiges Gefühl. Auf der morgigen Etappe müssen wir nämlich ein großes Riff umsegeln, das jetzt genau in Stromrichtung vor uns liegt. Ich werde diese Nacht wohl ganz sicher wieder an Bord verbringen und mehr auf den Stand des Bootes achten, als schlafen. Zum Glück sind wir Frauen uns mal wieder einig und ich bin also nicht die Einzige, die sich unwohl fühlt.

Trotz allem verlassen wir abends alle gemeinsam das Boot, weil uns ein T-Shirt-, Bananen- und Eishändler unter anderem auch ein Lobster-Essen am Strand einer der Inseln angeboten hat und wir zugeschlagen haben. In einem Eimer können wir uns die Tiere noch aussuchen, die anschließend lebendig im Kochtopf landen sollen. Eigentlich ist mir jetzt schon der Appetit vergangen… Auf einem mit Palmenblättern gedeckten Tisch haben wir dann auf unseren Plastiktellern vom Boot die Spezialität ungewürzt und mit trockenem Brot verspeist. Im Hintergrund ein atemberaubender Sonnenuntergang. Ein Erlebnis, aber kein Muss.

Wie erwartet, mache ich die Nacht fast kein Auge zu, aber das Boot bleibt an der Stelle, wo wir es „geparkt“ haben.

Die nächste Etappe startet. Wir steuern langsam auf das Riff zu, denn unser Skipper ist der Meinung, dass wir vielleicht ganz langsam darüber hinweg fahren können und uns den Umweg drum herum sparen könnten. Ganz anderer Meinung ist unser Tiefenmesser, der schon nach den ersten Metern wie wild anfängt zu piepsen und auch schon keine Tiefe mehr anzeigt. Panik steigt auf. Alle diskutieren hektisch an Bord und wir verteilen uns um die Reling herum und versuchen, die Untiefen zu ergründen. Eine schreckliche Belastung und Anspannung. Zwei Einheimische in einem kleinen Motorboot kommen wild winkend und laut rufend auf uns zugerast. Wir sind uns alle einig, dass wir definitiv den längeren, aber sicheren Weg um das Riff herum nehmen werden. Es kostet uns noch einige Nerven und Diskussionen unser Boot wieder sicher aus der Gefahr zu manövrieren. Alle etwas zweifelnd an unserem Skipper (ein Freund von uns, den wir aus Deutschland mitgebracht haben) und dem auserwählten Kartenleser, beschließen wir, bei der nächsten Insel zwei Nächte zu verbringen. Nach dieser Aufregung könnte mir nichts lieber sein. Beim nächsten Ankern in der schönen ruhigen Bucht von Union Island, verletzt sich noch einer unserer Truppe, so dass wir zum ersten Mal den Verbandkasten auspacken müssen. Zum Glück ist jetzt erstmal Segelpause.

Wir springen von Deck in das kühlende Nass und beruhigen unsere Nerven. Heute machen wir nichts mehr. Selbst das Beiboot bleibt stehen. Wir lassen uns ein Wassertaxi kommen und an Land bringen. Dort laufen wir über die Insel, erkunden das kleine Hafenörtchen. Wunderschön idyllisch. Ganz langsam lässt die Anspannung nach. Das Erlebnis hat die Stimmung doch sehr getrübt, haben wir uns mit der Anmietung dieses Riesen-Bootes zu viel zugetraut? Nur einer, unser Skipper, hat den Open Water Segelschein. Vier andere haben zur Vorbereitung noch ein Segel-Crashkurs-Wochenende auf der Ostsee gemacht. Und wir zwei, mein Mann und ich, haben komplett keine Ahnung, sind nur angelernte Handlanger…

Es erwartet uns das typisch karibische Leben auf der Straße. Kleine Buden, Geschäfte und viele Menschen, die in kleinen Gruppen zusammenstehen und sich die neuesten Inselgeschichten erzählen. Wir fühlen uns gleich wohl und genießen das Flair. Am Ende eines erlebnisreichen Tages lassen wir uns in einem kleinen Restaurant direkt am Meer nieder. Die Seeluft weht uns um die Nase und wir lassen uns das Essen schmecken. Sam, ein Korallenschmuck-Verkäufer, gesellt sich zu uns. Mit seinem Silberblick kann er uns alle gleichzeitig anschauen. Er erzählt Geschichten aus seinem Leben. Wahr oder nicht, wir fühlen uns pudelwohl.

Am Abend noch bestellen wir wieder ein Wassertaxi für den nächsten Morgen. Palm Island steht auf dem Programm. Eine kleine Insel mit einer einzigen Hotelanlage und unzähligen Palmen, die alle von einem holländischen Auswandererpaar gepflanzt worden sind.

Wir erklimmen einen Hügel, von dem wir einen gigantischen Ausblick auf die Bucht haben. Lange flache Strände unterbrochen von Felsvorsprüngen. Ein karibischer Traum.

 Trotz der Hotelanlage begegnet uns kein Mensch. Erst in der Strandbar stoßen wir wieder auf Leben. Wir verbringen noch den ganzen Nachmittag dort, bis uns unser Taxi wieder in unser „Hotel“ bringt.

Die Halbzeit ist gekommen. Union Island ist unser Wendepunkt. Es geht wieder nach Bequia. Auf der Fahrt dorthin erwartet uns noch ein besonderes Erlebnis. Ein Schwarm von Delphinen begleitet unser Boot. Wir sind vollkommen fasziniert und lassen das Segeln sein. Wir genießen das Spiel der Delphine. Rund um unser Boot springen sie immer wieder aus dem Wasser.

Von Bequia segeln wir nach St. Vincent. Es erwarten uns keine Händler mit Motorbooten, die uns ihre Waren anbieten. Wir sehen plötzlich mehrere kleine Boote mit Männern, die auf uns zu rudern. Ein Ruderer, Simon, ist der Stärkste mit der meisten Ausdauer. Noch weit von der Insel entfernt erreicht er unser Schiff als erster. In unserem Segel-Reiseführer steht geschrieben, dass wir uns am besten einen der Ruderer aussuchen sollen, den wir dafür bezahlen, dass er auf unser Boot aufpasst und alle nötigen Lebensmittel besorgt. Das geben wir Simon auch gleich zu verstehen und binden sein Boot an unserem fest und fahren unter Motor in eine Bucht. Dort macht sich Simon gleich auf den Weg, unser Boot an der nächsten Palme zu befestigen.

Ein Teil unserer Crew möchte an Bord bleiben, die anderen wollen noch etwas von der Insel sehen und ziehen mit Simon als Reiseführer los. Er zeigt uns frische Muskatnuss und führt uns durch üppige Vegetation zu verschiedenen Wasserfällen. Das satte Grün der Insel ist erfrischend und wir sind wirklich froh, diesen Stopp noch eingelegt zu haben.

Wieder an Bord, haben wir Simon beauftragt, uns Fisch zu fangen. Er leiht sich Schnorchel und Flossen und rudert los. Einige Zeit später taucht er mit prächtiger Beute wieder auf. Er übernimmt vor unseren Augen das Entfernen der Schuppen und nimmt die Fische aus. Wir bereiten uns als Vorspeise eine Fischsuppe und anschließend gibt es Reis mit Fisch. Ein Gaumenschmaus natürlich, ist ja schließlich mit ganz viel Liebe gefangen und gekocht worden.

Beflügelt vom Stopp auf St. Vincent segeln wir weiter nach St. Lucia. Wir steuern die Marigot Bay an. Eine Bucht, die ganz versteckt hinter Palmen liegt. Kaum einsehbar vom offenen Meer und deshalb auch besonders ruhig. Wir ankern und Erholung an Bord steht an. Abends fahren wir mit dem Dinghy an Land. Über einen Steg erreichen wir ein kleines Restaurant, auf Stelzen im Wasser gebaut. Wir lassen uns wieder den Fisch schmecken. Lernen noch einen Schweizer kennen und sitzen noch bis spät in die Nacht und genießen die warme Abendluft und das karibische Bier…

Nie haben wir so ruhig geschlafen wir in dieser Bucht. Am nächsten Morgen wird uns klar warum. Es herrscht leichte Ebbe in der Bucht und unser Boot „steht“ anscheinend im Sand. Wir sind begeistert, hoffen nur, dass das Wasser wieder da ist, wenn wir am nächsten Tag die Insel wieder verlassen müssen, da sich der Urlaub dem Ende neigt.

Wir mieten uns noch einmal einen Kleinbus mit Fahrer und lassen uns in die Hauptstadt Castries fahren. Dort verbringen wir einen ganzen Tag. Wir schlendern durch die bunte Markthalle und die vielen kleinen verwinkelten Gassen und besuchen die Kirche der Stadt.

Den letzten Abend und die letzte Nacht verbringen wir wieder in dem kleinen Restaurant und lassen uns noch bis tief in die Nacht den Wind um die Nase wehen.

Der letzte Tag ist gekommen. Zurück in Martinique und nach der für mich ersten Nacht, in der ich mit Übelkeit zu kämpfen hatte, steige ich bereits beim Tanken aus und lasse mich auf den Steg fallen und bin froh, dass mich diese Übelkeit nicht den ganzen Urlaub geplagt hat. Ich wäre auf einer Insel ausgestiegen und hätte gewartet, bis ich wieder abgeholt worden wäre.  Kann jetzt aber nachfühlen, wie sich meine Freundin, die leider sehr, sehr oft mit Übelkeit zu kämpfen hatte, gefühlt haben muss. Die Arme.

Den letzten Tag gibt es noch Sightseeing in Martinique. Besonders gefallen hat uns dort, die kitschig bunte Weihnachtsdekoration an Palmen und Straßenlaternen und die Merry Christmas Lieder in jedem Geschäft. Weihnachtsstimmung will bei uns und diesen Temperaturen nicht wirklich aufkommen.

Bis wir zu Hause wieder richtig ankommen werden, wird eine ganze Zeit dauern, nach so vielen, unbeschreiblich besonderen Eindrücken.

Falls Ihr euch wundert, warum und wie ich solch alte Geschichten im Moment ausgrabe: Ich habe zu unserer Zeit in Würzburg eine Fernschulung für „Journalistisches Schreiben“ gemacht, über ein Jahr lang. Und in dieser Zeit musste ich hierfür doch einige Arbeiten erstellen und somit liegen all diese Geschichten fertig auf meinem Laptop rum… Zum Teilen mit euch. Zum Erinnern für mich.