Nach der Ankunft…

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… kommt die NeuZeit. 

Neue Umgebung, neue Gegebenheiten, keine Kontakte, keine Verpflichtungen. Da beginnt eine sehr besondere, intensive Zeit. Man ist erst einmal komplett auf den Partner oder die Familie angewiesen, die kleine Familie – die mit umgezogen ist. Es gilt darauf zu schauen, dass jeder gut ankommt und ein erstes, hoffentlich gutes, Gefühl empfindet. Gemeinsam die neue Umgebung erkunden, umherlaufen, auf sich wirken lassen. Den Blick nach vorne, aber auch nach oben, unten und in die Seitengassen schweifen lassen. Eintauchen in das Neue. Neue Gerüche, neue Geschmäcker in neuen Lokalen. Das erste Mal gemeinsam die endlos erscheinenden Gänge des neuen Supermarktes erkunden. Vertraute Artikel kaufen, aber auch ganz bewusst zu etwas Neuem greifen, wie den Schokoriegeln oder die Kekse für die Kinder, die sie noch nicht kennen, heute aber das erste Mal probieren dürfen. Eine exotische, unbekannte Frucht, bei der man sicher zu Hause erst einmal im Internet nachschauen muss, wie man diese Wohl isst. 

Aber auch dem Gehör seinen Raum geben. In der Shopping Mall lauschen, wenn zu bestimmten Zeiten plötzlich der Ruf des Muezzins durch die Lautsprecher ertönt und eine besondere Stimmung in der Mall verbreitet. Und wenn es die Kinder nicht wahrnehmen, darauf hinweisen. Ihre Aufmerksamkeit für die Welt schärfen. Vielleicht schreien die Möwen in der Luft… Mein Laut, der mir just in diesem Moment zu unserem Aufenthalt in Milwaukee, USA einfällt. Einer der Geräusche, die mir für Johannesburg, Südafrika in Erinnerung geblieben sind: das Gezeter der Hadedas Vögel im Garten, besonders in den Morgenstunden. Beim „googeln“ gerade, ob dieser Geselle wohl wirklich so heißt oder einfach nur so genannt wird, stelle ich fest, dass es sich korrekterweise um den Hadada Ibis, handelt, zu Deutsch auch Hagedasch. Aber mal ehrlich, dass ändert jetzt nichts an der Tatsache, dass ich immer das lautstarke Gezetere dieses Freundes mit unserem Garten im Norden Johannesburgs in Verbindung bringen werde. 

In dieser besonderen NeuZeit sollte man versuchen die neue Stadt so intensiv wie möglich aufzunehmen, denn man ist noch vollkommen unvoreingenommen und nimmt einfach nur unbewertet auf. 

Und man sollte auch diese Zeit zu zweit, zu dritt, zu viert… genießen, denn solch eine besondere NeuZeit gibt es nicht sehr häufig. Oft hat man zum Start in einem neuen Land ein paar Tage gemeinsam frei, bevor meist der Mann wieder in seinen Job einsteigt. In diesen Tagen hat man sozusagen die Familie ganz für sich ganz alleine. Noch keine Einflüsse von außen. Es ist ein tolles, besonderes Gefühl. Man sollte auch wirklich versuchen, es wahrzunehmen.

Das ist fast ein bisschen so, wie während des Corona Lockdowns. Hier haben, leider natürlich gezwungenermaßen, die Familien plötzlich sehr intensiv Zeit miteinander verbringen müssen. Das, was viele in der Form vielleicht nicht kannten. Im Alltag geht jeder seinen Hobbies nach, geht arbeiten, trifft Freude, das oft auch getrennt. Wenn man als Familie oder als Paar in den Urlaub fährt, ist es auch eine andere Situation. Man ist offen für neue Kontakte zu anderen Urlaubern. Plötzlich war in 2020 nur noch die Familie angesagt, der Partner und/oder die Kinder oder gar der Single plötzlich wirklich Single im wahrsten Sinne des Wortes. Und ich habe in meiner direkten Umgebung damals erlebt, wie befreundete Familien (ohne ExpatErfahrung – aber sicher natürlich auch viele andere) damit zu kämpfen hatten. Wir hingegen sind uns oft auch als Familie bewusst genug. Ich denke, das beschreibt es am besten. Einfach wir vier. Wir haben es gelernt und schätzen es, die Familienzeit zu genießen. Was für viele in dieser Covid19 Anfangszeit im Frühjahr 2020 eine Zeit der Ungewissheit und Hilflosigkeit ausgelöst hat, hat uns vielleicht nicht so überraschend erwischt, weil wir ähnliche Situationen der „Abgeschiedenheit“, des „Ungewissen“ schon öfter, wenn natürlich auch auf andere Art und Weise, erlebt und gemeistert haben. 

Das soll natürlich in keiner Weise die Covid19 Pandemie schönreden. Es war und ist für die Welt ein Schock, eine Herausforderung und eine große Belastung für alle. 

Ich denke, viele Expatfamilien genießen auch bewusst diese anfängliche NeuZeit nach der Ankunft. Sie versuchen gar nicht unbedingt, direkt Kontakte zu knüpfen oder auch eventuell entfernte Kontakte zu aktivieren. Erst einmal ankommen, das Neue wirklichen lassen und genießen. Gerade ab der zweiten, dritten Weltstation wird man ganz bewusst diese Zeit durchleben, denn dann hat man die Erfahrung bereits gemacht und kann die Situation besser einschätzen. Man hat nicht das Gefühl, direkt auf die Suche nach neuen Freunden gehen zu müssen, man kann es langsam angehen. Man weiß, dass sich alles mit der Zeit finden wird. Dieser Aktionsdruck, den man sich vielleicht noch beim ersten Mal selber auferlegt hat, entfällt. Die Unsicherheit ist weg. Frau weiß, dass sich alles fügen wird, dass neue Kontakte kommen werden, wenn man offen ist. Und offen sein, ist natürlich eine Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Auswanderung. 

Ich finde hierzu einen Abschnitt aus dem Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse sehr passend: 

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, 
der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. 

Aber eigentlich finde ich fast das ganze Gedicht sehr schön im Zusammenhang mit dem Gedanken zum Auswandern..

Stufen 

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.
Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In andre, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf‘ um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegen senden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden…
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Von Hermann Hesse 4. Mai 1941

Also keine Scheu vor dem Neuen, was kommen wird. Es wird sich alles fügen, einfach offen sein und bleiben. Und nicht vergessen, die besondere Zeit nach der Ankunft einfach zu genießen. Es ist so unbeschreiblich spannend, all die neuen Dinge im neuen Umfeld unter neuen Umständen zu entdecken. Pures EntdeckerGlück.

Rückzug

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Nein, hier mit ist jetzt nicht gemeint, dass wir zurückziehen, wohin auch immer, sondern ich möchte euch heute den Verlust des Rückzugsortes meiner Tochter während der letzten zwei Wochen beschreiben und unsere Erkenntnis daraus mit euch teilen.

Familie lernt ja nie aus. 

Es hatte sich Besuch aus Deutschland angekündigt, eine vierköpfige Familie. Nach ein wenig hin und her überlegen war die gemeinsame Entscheidung gefallen, dass unsere Tochter mit in das Zimmer ihres Zwillingsbruders zieht, für diese zwei Wochen. Die Kinder des Besuches bezogen also das Zimmer unserer Tochter. Da sich dieses Zimmer ein „Jack and Jill“ Badezimmer (nähere Beschreibung dazu im Blogbeitrag „Haussuche“) mit dem Zimmer unseres Sohnes teilte, fiel somit auch irgendwie die Privatsphäre des Bades weg. Und obwohl unsere Kinder sehr oft noch sehr gerne gemeinsam in einem Zimmer schlafen, meine Tochter auf einer Matratze vor dem Bett unseres Sohnes, an Wochenende sogar manchmal zum Spaß mit all den Kuscheltieren beide in einem Bett, ist es etwas komplett anderes, seine Rückzugsoase für komplette zwei Wochen aufzugeben. Und das auch noch, während einer normalen Schulzeit, keine Ferien, keine Feiertage, Schulalltag. 

Der Besuch an sich war super angenehm!! Sehr selbstständig, viel auf eigene Faust unterwegs. Jeder machte sein Ding, über Frühstück, Fitness usw. Es lief alles sehr harmonisch, angenehm und erfreulich ab. Kompliment an den Besuch. Wir hatten eine tolle Zeit, am Wochenende machten wir einen wunderschönen Wüstenausflug mit Übernachtung gemeinsam, ohne viel Schlaf, was meiner Tochter ebenfalls zusetzte. 

Zum Beginn der zweiten Woche merkte ich, dass sie langsam die Kraft verließ. Ich schob es auf das wunderschöne, aber auch super anstrengende Wüstenwochenende. Und versuchte mit frühem Schlafengehen entgegenzuwirken. Aber es wurde eher von Tag zu Tag schlimmer. Sie wurde immer sensibler, machte oft einen traurigen Eindruck und dann erkannten wir, dass der Auslöser der fehlende Rückzugsort für sie war. Nach einem lagen, anstrengenden Schultag, bei dem die beiden von 7 bis 15 Uhr aus dem Haus sind, fehlte ihr die Erholung in ihrer Wohlfühloase – ihrem Zimmer. In dieses zieht sich unsere Tochter oft nach den Hausaufgaben zurück, malt Bilder auf ihrer Staffelei, sitzt in ihrem Sitzsack und liest Bücher – sie tut einfach das, was ihr guttut und was sie und ihr Körper brauchen. Dieser Rückzugsort war nun komplett weggefallen. Ich fand sie manchmal auf dem Boden im Zimmer ihres Bruders kniend, dort malen.

Und da wusste ich, wir haben einen großen Fehler gemacht, sie zu bitten, ihr Zimmer für den Besuch zu räumen. 

Ich redete mit ihr, entschuldigte mich für die dumme Entscheidung und versprach ihr, dass nie wieder sie oder ihr Bruder ihr Zimmer für Besuch aufgeben müssten. Allein das Reden tat gut, obwohl wir beide ein paar Tränchen vergossen.

Ich besprach die Situation auch mit den Freunden. Auch die verstanden sofort die Gefühlslage unserer Tochter. 

Im Endeffekt ist unser Gästezimmer groß genug, dass wir hier noch zwei Matratzen für zwei Kinder mit reinlegen können. Und ich denke, der Besuch, der sowieso in einer Stadt wie Dubai, die meiste Zeit auf Erkundungstour unterwegs ist, stört sich nicht daran, für eine Woche oder länger ein Zimmer mit den Kindern zu teilen. Und zudem hat der Besuch Urlaub und wir leben parallel im Alltag weiter, was heißt, dass für uns unter den normalen Arbeits- und Schulbedingungen eine andere Anstrengung und somit auch eine andere Art von Notwendigkeit an Ruhe, Erholung und eben Rückzugsmöglichkeiten wichtig ist und dies jeder verstehen wird oder verstehen sollte. Und wir haben an der Reaktion unserer Freunde gemerkt, dass eine Familie das sehr gut nachvollziehen kann. 

Somit das Fazit unserer letzten zwei Wochen: Besuch geht auch einmal während des Alltags (sicher nicht zu häufig), wenn der Besuch unkompliziert und selbstständig ist, keine 5***** Unterbringungen mit Rundumservice erwartet.

Wichtig für uns als Familie, Freunde und Gastgeber: Wir werden kein Zimmer, keine Rückzugsmöglichkeit aufgeben und wir werden unseren Alltag auf keinen Fall in irgendeiner Art und Weise an den Besuch anpassen können. 

Aber wahre Freunde und unsere tollen Familien verstehen das sowieso. Manchmal vielleicht früher als wir.

EntdeckerGlück? Ja, trotzdem und sowieso, denn wir haben ja eine wichtige Entdeckung und Erkenntnis aus dieser Erfahrung mitgenommen. Rückzugsorte sind SEHR WICHTIG, für jeden von uns.

Wie nehmen Kinder eine Umzugsankündigung auf?

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Wie bereits in einem weiteren Beitrag beschrieben, spitzte sich unsere Auswanderungsentscheidung in der Anfangszeit, des ersten Lockdowns von COVID-19 im Frühjahr 2020 zu. Die Kinder im Homeschooling, mein Mann im Homeoffice. Kaum Raum zum Atmen im Haus. Zum Besprechen von neuen Details zur Vertragsverhandlung oder zu neuen Erkenntnissen meinerseits bezüglich Wohngegenden, Hausmieten, Krankenversicherung usw. trafen wir uns heimlich im Büro (dem Kinderzimmer unserer Tochter) meines Mannes. 

Denn zu diesem Zeitpunkt wussten unsere Kinder von unseren Gedanken bezüglich einer eventuellen Auswanderung rein gar nichts. Für uns war klar und wichtig, sie erst mit der Situation zu konfrontieren und somit eventuell auch zu stressen, wenn die Entscheidung wirklich gefallen war. Ob das der richtige Weg ist, sei mal dahingestellt. Vielleicht würden wir das, das nächste Mal auch anders machen. In dem Moment, in der Situation erschien es uns als das einzig Wahre. 

Zumal ja auch weder unsere Eltern, noch Freunde von unserer Überlegung bis dahin wussten. Der Familie hätten wir es natürlich am liebsten persönlich gesagt, so wie all die letzten Male, als solch eine Entscheidung anstand, aber in Corona Zeiten war nicht absehbar, wann wir unsere Familie im 500 km entfernten hessischen Hinterland das nächste Mal wieder sehen würden. Auch mit den Freunden vor Ort, hätten wir dies am liebsten an einem geselligen gemeinsamen Abend besprochen. Aber all das, war in dieser besonderen Zeit einfach nicht möglich. Und da bis dahin auch die Entwicklungen für uns nicht immer 100 % klar waren, die Kinder mit der neuen Covid19 Situation auch einiges zu verarbeiten hatten, stand für uns fest, wir warten, bis wir die Entscheidung endgültig getroffen hatten und auch der Zeitpunkt des Umzugs besser einschätzbar war.

Dann aber kam der Tag. Der Vertrag war endverhandelt, eine Krankenversicherung gefunden, die beiden Plätze in der Schule gesichert und wir mussten uns der Tatsache stellen, es den Kindern so schonend wie möglich beizubringen. 

Unsere Tochter redete seit Wochen, eher Monaten davon, wie sehr sie unser altes Haus mit Pool in Südafrika vermisste. Ihr absolutes Lieblingslied zu dieser Zeit lief im Radio rauf und runter: 194 Länder von Mark Forster. 

Waren das alles Zeichen, dass auch die Tochter zumindest irgendwie etwas ahnte oder ein Gefühl in sich trug, was sie in die Ferne zog?

Relativ spontan, ergriffen wir dann eine Situation in der wir gerade das Mittagessen zubereiteten. Die Kinder und ich eine Pause vom Homeschooling machten und mein Mann gleich zum Essen aus seinem „Büro“ zu uns stoßen würde. An dem Morgen hatten sich für uns die letzten offenen Fragen geklärt und es war der richtige Zeitpunkt. 

„Kiddies, wir haben eine unerwartete Überraschung für Euch.“

Große fragende Augen?

„Wir werden noch einmal zusammen umziehen. In ein Land, dass sich Vereinigte Arabische Emirate nennt, in die Stadt Dubai.“

Entsetzten in den nicht mehr fragenden Augen!

Mein Sohn: „NEIN, ich will nicht noch mal umziehen!“ – Tränen. 

„Aber es ist ein ganz tolles, sicheres Land. Mit einer tollen Deutschen Schule, wo wir abgeklärt haben, dass es zwei Plätze für Euch gibt. Eine Familie, mit der wir mal in Südafrika frühstücken waren, die wohnen auch dort. Der Sohn ist so alt wie ihr und kommt in eure Klasse.“

Beide heulen. Es ist grausam für uns. Mir ist auch zum Heulen, weil ich nie gedacht hätte, dass diese Nachricht so schlimm für die beiden sein würde. Ich gab alles meine Tränen so lange wie möglich zu verbergen. Aber irgendwann kullerten auch bei mir die Tränen des Mitgefühls.

„Wir können dort auch wieder in einem Haus mit Pool wohnen, so wie in unserem Haus in Südafrika. Es ist immer Sommer, wir haben das Meer vor der Haustür. Wir können am Wochenende an den Strand fahren. Es gibt Wüste und Kamele. Wir können in der Wüste Quad fahren.“ (unsere Tochter liebte Quad fahren, unser Sohn liebt Tiere)

Schluchzen und mehr Tränen. Ich bin jetzt schon komplett ausgelaugt und hätte so eine heftige Reaktion nie erwartet. Nie. 

„Ihr werdet jeder ein iPad für die Schule bekommen. Der Bus holt euch direkt vor der Tür ab, ihr müsst nicht alleine mit dem Linienbus nach Freising fahren und dort alleine am Hauptbahnhof in den Schulbus umsteigen. Das ist viel entspannter und sicherer für euch. Die Schule hat einen eigenen Swimmingpool und tolle nachmittags AGs, wenn Corona vorbei ist.“

Es hilft nur, unsere Kinder zu halten und zu trösten. Zum Glück haben wir nur Zwillinge. Jeder von uns hat ein Kind auf dem Schoß und wir trösten einfach, sind für die beiden da. Wir sagen ihnen, dass wir verstehen können, dass das ein beängstigender Gedanke ist und wir immer für sie da sein werden und wir das zusammen schaffen werden und dass wir verstehen, dass sie natürlich jetzt geschockt sind. Halt und Nähe geben, trösten, drücken, LIEBEN. Mehr können wir in dem Moment nicht tun. Erstmal sacken lassen.

Nachdem das Schluchzen einigermaßen abgeebbt ist, biete ich ihnen an, ihnen im Internet einmal ihre neue Schule zu zeigen. Erst wollen sie das gar nicht sehen, wehren ab. Wir trösten weiter. Es gibt heute Mittagessen auf unserem Schoß, unsere 10-jährigen Kindern sind wieder geschrumpft. Kleiner, hilfloser. Wir haben irgendwie bedrückende Gefühle, ein schlechtes Gewissen, aber tief im Inneren verspüren wir Eltern die große Sicherheit, dass dieser Schritt für unsere Familie, der richtige Schritt ist. Irgendwann kommen die kleinen, bebenden Körperchen ein wenig zur Ruhe, es gibt noch ein großes Stück Schokolade zum Nachtisch. Und auf einmal, wollen sie doch einen Blick auf die Homepage der Schule werfen. Es gibt ein tolles Video über die Schule. Das erste Mal sehen sie, dass es Schuluniformen gibt. Das finden sie spannend. Auf dem Video ist zu sehen, dass die Kinder auch immer wieder mit ihrem iPad arbeiten. Das löst natürlich bei zwei 10-jährigen auch einen gewissen Trigger aus. 

Da die beiden im Matheunterricht etwas über die Höhe des Burj Khalifa gelernt haben, fragt unser Sohn auch gleich danach. Wir zeigen ihm auch davon die Homepage und ein Video. Ein Werbevideo von Dubai bringt noch ein paar allgemeine Eindrücke. DANKE an das Internet. Welch eine große Hilfe in solch einem Moment. 

Tagelang tragen sie trotzdem die Abwehr in sich herum. Unser Sohn sagt immer wieder, dass er dann zu Oma und Opa nach Hessen zieht. Es schmerzt, dass zu hören und zu sehen, wie wir ihn verletzt haben. Immer wieder spreche ich kleine positive Dinge an. 

Ein großes Thema für uns, eine Familie, die vor Deutschland fast 10 Jahre in Johannesburg, Südafrika gelebt hat, ist auch immer wieder die Sicherheit. Auch das versuche ich den Kindern immer wieder klar zu machen, dass Dubai eine sehr sichere Stadt ist. In der wir als Eltern uns viel weniger Sorgen um das Wohl und die Sicherheit unserer Kinder machen müssen, als in Deutschland. Unsere Kinder sind schwarzer Hautfarbe, weil wir die beiden in Südafrika adoptiert haben. Und natürlich bereitet es uns Eltern größtes Unbehagen, unsre Kinder eventuell in Deutschland alleine mit einem Linienbus fahren lassen zu müssen, im Alter von 11 Jahren. Sie alleine am Hauptbahnhof umsteigen müssen, dafür eine dunkle Unterführung durchqueren müssen, um zu den Schulbussen zu gelangen. Da ist die Vorstellung eines gigantisch gelb-leuchtenden Schulbusses, der meine Kinder fast vor der Haustür abholt und auch wieder abliefert doch viel beruhigender. 

Unsere Kinder werden Arabisch und Französisch lernen, egal welchen Schulzweig der Gesamtschule in Dubai sie gehen werden. In der Klasse werden unterschiedlichste Nationalitäten, unterschiedlichster Hautfarben zusammenkommen. Es gibt so viele Vorteile für unsere Kinder, die natürlich nur wir momentan sehen. 

Nach ein Tagen zeigen wir Ihnen auch einmal Häuser, die wir mieten könnten, nur damit sie ein Gefühl bekommen. Die Lage entspannt sich immer mehr, aber es gibt immer wieder Tage, an denen besonders unser Sohn in Tränen ausbricht und mit der Entscheidung zu kämpfen hat. Positiv ist, dass beide immer mal wieder von sich nachfragen, ob sie noch einmal das Schulvideo sehen können. Sie können offener damit umgehen. 

Es dauert aber Wochen, mit vielen emotionalen Aufs und Abs bis die Situation sich soweit entspannt hat, dass keine Tränen mehr fließen, wenn wir darüber reden. Was half, war dann das Konkrete. Ich musste schon früh die neuen iPads für die Kinder vor Ort bestellen, damit diese für den Schulbeginn fertig eingerichtet bereitstehen. Wir kauften gemeinsam neue Schulranzen und Mäppchen. Wir bekamen auch schon sehr früh, die Einkaufsliste für den Schulstart und besorgten auch all das gemeinsam. Die Kinder suchten Blöcke und Stifte aus, durften sich jeder noch einen neuen Füller kaufen. So entwickelten die beiden eine gewisse Vorfreude. Wir suchten gemeinsam neue Schwimmshorts und UV Shirts aus, einen neuen Badeanzug und Bikini für die Tochter, neue Bademäntel. Die Kinder bekommen noch neue Betten. Es entwickelt sich immer mehr positive Energie rund um die Veränderung, was so ein unbeschreiblich befreiendes Gefühl für uns Eltern war.

Denn ich lag viele schlaflose Nächte wach und habe mir um das Wohl meiner Kinder Sorgen gemacht. Hatten wir die richtige Entscheidung getroffen, sind wir es vielleicht falsch angegangen, nicht unsere Kinder mit in den Entscheidungsprozess einzubeziehen? Es gab so viele offene Fragen, die mich nachts wachhielten. Aber immer wieder beruhigte mich meine persönliche, tiefe innere Gewissheit, dass es für uns als Familie, die beste Entscheidung war. Und ich wusste auch, zumindest versuchte ich mir das immer wieder klarzumachen, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hatten.

Und ich war so dankbar für die positive Energie, die sich langsam rund um das Thema Auswandern entwickelte, denn es stand noch so viel an, von Haus- und Autoverkauf über unzählige Kleinigkeiten, die organisiert werden mussten. 

Das mal zum Thema, wie Kinder, solche Umzugsentscheidungen aufnehmen. Und was das wohl mit EntdeckerGlück zu tun hat? 

Ich habe in der Zeit eine ganz neue, besonders innige Zeit und Entwicklung mit meinen Kindern durchlebt. Sie zeigten sich verletzt und traurig und ich habe so viel gelernt und wir haben so viel gemeinsam durchfühlt. Ich dachte schon bei unserem letzten Umzug von Südafrika nach Deutschland, viel gelernt zu haben (habe ich sicher auch – dazu ein anderes Mal mehr), aber ich wurde wieder überrascht mit so vielen neuen Entdeckungen rund um meine Kinder und das Thema Auswandern mit Kindern, die mir mit viel Abstand betrachtet zeigen, dass ich und wir als Familie daran gewachsen sind und alle so viel gelernt haben und unsere eh schon sehr enge, besondere Beziehung noch viel mehr vertieft wurde und diese noch mehr gestärkt hat.
Für mich auch wieder ein Stück EntdeckerGlück.